Genesis XIX

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    • Review: Sodom - Genesis XIX:

      Nun ist es also so weit, Sodom, Urgesteine des deutschen Thrash Metals, veröffentlichen Studio-Album Nummer sechzehn - das erste nach dem Rauswurf von Makka und Bernemann und einer ganzen Reihe weiterer Ausfälle, die der Reputation der Band in der Szene nicht eben gut getan haben. Auch wenn man das vielzitierte Buch nicht nach seinem Cover beurteilen sollte (das sich im Fall von "Genesis XIX" übrigens ausgesprochen geschmackvoll ausnimmt), lässt sich also doch konstatieren, dass die Truppe aus Gelsenkirchen bei der Veröffentlichung des neuen Werks gehörig unter Druck steht. Doch wie lässt sie sich nun an, die neue Scheibe der zu fünfundsiebzig Prozent neu besetzten Band, und wie schlägt sie sich gegen die vergangenen starken Werke der Thrash-Institution?

      Nun, zumindest muss man der Band zugestehen, direkt mit dem Intro einen gewissen Coup gelandet zu haben. Denn dass selbiges in vielen Reviews im Netz als nichtssagend oder langweilig beschrieben wird, zeigt nur, dass die entsprechenden Rezensenten über bedauerlich wenig Hintergrundwissen verfügen, denn tatsächlich handelt es sich bei "Blind Superstition" um dasjenige Intro, das die Band als Einstieg der Live-Shows auf ihrer ersten großen Tour 1988 verwendete (jedem, der es jetzt immer noch nicht kennt, sei eine umgehende Nachhilfestunde in Form der "Mortal Way Of Live"-Scheibe dringend empfohlen). Als Einstieg für "Genesis XIX", jenes Album, auf dem zum ersten Mal seit den Achtzigern wieder Frank Blackfire an der Gitarre zu hören ist, schließt das natürlich sehr schön den Kreis und gibt Extrapunkte, weil oldschool.

      Aber damit der alten Schule noch nicht genug, folgt doch mit "Sodom & Gomorrah" ein Song, der schon alleine von seinem Titel her so klingt, als hätten Sodom doch spätestens bei ihrem zweiten Album auf die Idee kommen müssen, ihn zu schreiben. Nun, etwas länger hat es gedauert, aber mächtig archaisch klingt das Ganze trotzdem. Böser Thrash wird hier versetzt mit leichten Black Metal-Anleihen, wie man sie zu "Persecution Mania"-Zeiten noch bei der Band gefunden hat; insbesondere Tom Angelrippers Gesang und Toni Merkels Doublebass - auch dieser Mann spielt ja für Sodom grade erst sein erstes Studio-Album ein - wissen enorm zu gefallen.

      Und während das Album weiter voranschreitet, muss man fast den Eindruck gewinnen, dass sich Sodom in einen kleinen Lauf spielen. "Euthanasia" war zwar im Gegensatz zum Opener, der ja auch als Single ausgekoppelt worden war, nicht im Voraus bekannt, geht aber in eine ganz ähnliche Richtung, bestenfalls hört man hier vielleicht ein Bisschen mehr "Agent Orange" statt "Persecution Mania" heraus. Alles in allem ein weiterer echter Brecher, der voll überzeugen kann.

      Dieses hohe Niveau können Sodom mit dem Titeltrack von "Genesis XIX" freilich nicht ganz halten. Die Nummer beginnt vielversprechend atmosphärisch, um dann eine Weile seltsam ziellos vor sich hin zu mäandern. Im weiteren Verlauf wird es dann wieder besser, aber immer wieder fallen ungewohnte Wechsel auf, die man von Sodom, insbesondere nachdem sie sich ja vor der Veröffentlichung des Albums mit großen Tönen angeschickt hatten, die volle Oldschool-Schiene zu fahren, nicht unbedingt erwartet hätte. Der geile Refrain entschädigt allerdings für einiges und rettet den Song schadlos über die Ziellinie.

      Bei einem Titel wie "Nicht Mehr Mein Land" wiederum wird einem als weltoffenem Mitbürger dann doch schon beim Lesen etwas anders. Sicher, Sodom haben in ihrer Karriere immer wieder deutschsprachige Lieder aufgenommen, doch hier war die Gefahr eines kompletten Reinfalls beinahe schon mit Händen zu greifen. Naja, letztlich haben sich Sodom entschieden, hier den Rammstein zu machen und viel zu reden, ohne im Endeffekt irgendwas zu sagen. Dass eine derartige Plattitüden-Parade in einschlägigen Reviews als "Toms beste Momente" abgefeiert wird, ist nicht nachvollziehbar, zumal die musikalische Begleitung auch keine Begeisterungsstürme auszulösen vermag. Nach einem vielversprechenden, beinharten Einstieg ("Tapping The Vein", anyone?) geht es im recht mediokren Midtempo weiter, ehe sich Toni an den Drums zu einer energischen Ladung Blastbeats aufrafft und damit verhindert, dass die Nummer komplett abrutscht.

      Und auch beim nachfolgenden Song war der Schreiberling schon beim Lesen des Titels zwiegespalten. Einerseits ergibt sich die freudige Gewissheit, dass das, was Sodom in den nächsten fünf Minuten abliefern werden, wohl keinesfalls schlechter sein kann als das absurd flache Wortspiel "Glock 'N' Roll", auf der anderen Seite steht die Sorge, was sich hinter einem solchen Titel nur verbergen möchte. Tatsächlich dürfte jedoch die Nummer selbst den geneigten Fan positiv überraschen, gibt es hier doch einmal mehr brachialen Thrash erster Güteklasse, aufgelockert durch einige Tempowechsel, ohne dabei seine Richtung zu verlieren. Stark!

      Demgegenüber fällt "The Harpooneer" leider wiederum etwas ab. Es wirkt beinahe paradox, dass sich auf "Genesis XIX", das als das "back to the roots"-Werk schlechthin vermarktet wurde, so komplexe und experimentelle Songs finden, wie man sie von den Gelsenkirchenern selten gehört hat. Gerade das fast schon doomige Intro der vorliegenden Nummer wirkt extrem ungewohnt und beinahe abschreckend. Danach liefern Sodom natürlich durchaus ab, sodass der Song als Ganzes wohl niemanden vor den Kopf stoßen wird, der letzte Faktor X fehlt aber.

      Beim folgenden "Dehumanized" hat man zunächst das Gefühl, man sei versehentlich auf die Repeat-Taste gekommen, denn auch dieser Song beginnt langsam und eher malad. Aber heißa, danach geht es gewaltig zur Sache! Sodom packen einmal mehr die grobe Keule aus und liefern eine mächtige Abrissbirne, deren Blastbeat-Attacken (bei aller Zuneigung zu Makka muss man doch konstatieren, dass Toni an den Drums rein musikalisch betrachtet eine absolute Bereicherung darstellt) den Hörer in den heimischen Ohrensessel drücken, dass es eine Freude ist.

      "Occult Perpetrator" ist dann die typische Nummer, die wahrscheinlich totgenudelt werden wird, bis sie auch wirklich der letzte auswendig kennt. Nun, von allen Zwängen der heutigen Musikbranche können sich halt auch Sodom nicht freimachen und wer den Thrash Metal in den letzten Jahren verfolgt hat, der weiß, dass eine solche Nummer auf dem Album heutzutage beinahe obligatorisch ist. Trotz seiner Tempowechsel ist der Song ausgesprochen eingängig und wird in Post-Corona-Zeiten sicherlich für fliegende Mähnen sorgen, wenn er auch auf Platte nicht unbedingt ein Highlight darstellt und insbesondere der Mittelpart doch etwas deplatziert wirkt.

      Weiter geht es mit "Waldo & Pigpen", einer weiteren Nummer, die sich Zeit für ein ausgiebiges, diesmal sehr melodisches Intro nimmt, um dann erst nach und nach ins gehobene Tempo-Segment überzugehen. Alles in allem kein schlechtes Stück, schlägt das Stück vielleicht sogar den Titeltrack im Wettstreit der anspruchsvolleren Tracks der Scheibe, auch dank Tonis einmal mehr starker Leistung. Trotzdem wirken diese schwer verdaulichen Nummern in ihrer Masse (auch "The Harpooneer" fällt ja klar in diese Kategorie) nicht einwandfrei zum besten des ohnedies für eine Sodom-Scheibe recht lang geratenen Longplayers.

      Die nächste Nummer ist mit "Indoctrination" die zweite Single des Albums, die mit einer recht Punkt-lastigen Attitüde, bedingt auch durch die Backing Vocals, aufwartet. Was zunächst eher ungewohnt anmutet, hat man doch solche Einflüsse bei Sodom bestenfalls mal in den Neunzigern hie und da wahrnehmen können, funktioniert unter dem Strich aber erstaunlich gut. Gerade nach dem komplexeren letzten Song macht der Track soviel Druck wie Laune und überzeugt damit im Alben-Zusammenhang fast noch mehr denn als einzelne Nummer.

      Wer jetzt die Band in den letzten Wochen eifrig verfolgt hat, der weiß natürlich, was nun beim Grande Finale noch auf ihn wartet. "Friendly Fire" stellte die letzte Vorab-Single des neuen Albums dar, ausgestattet mit einem maximal unsympathischen Musikvideo. Am Song selbst gibt es dagegen überhaupt nichts auszusetzen; hier wird nochmal aus allen Rohren gefeuert, Blastbeats und Doublebass geben einander die Klinke in die Hand, sodass der Hörer mit einer gehörigen Abreibung aus dem Album verabschiedet wird. So und nicht anders geht das!

      Unter dem Strich ist "Genesis XIX" also eine absolut runde Sache geworden, an der es kaum etwas zu mäkeln gibt. Gut, mal im Ernst: Nummern, die an der Sieben-Minuten-Marke kratzen oder diese sogar durchbrechen, braucht von Sodom kein Mensch. Doch die Band schafft es, selbst diese Tracks ausnahmslos zufriedenstellend zu meistern und liefert dazwischen ein paar echte Granaten, die in der deutschen Thrash-Szene erst mal jemand schlagen muss. Alles in allem liefern Sodom also ein weiteres mächtiges Thrash-Werk ab, auch wenn man im Rennen mit der eigenen Vergangenheit in Form von "Decision Day" und auch "Epitome Of Torture" dann doch knapp den Kürzeren zieht, auch weil, bei aller Begeisterung für Tonis Drumming, Bass und Gitarren stellenweise vielleicht ein Bisschen zu unauffällig bleiben. Es ist halt (noch?) nicht alles Gold bei den Gelsenkirchenern, auch wenn die Anzeichen definitiv positive sind.

      ANSPIELTIPP:
      Strapped on the table
      The operation begins
      Caught in the fable
      The doctor is in...

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