Detroit Stories

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      Alice Cooper - Detroit Stories:

      Was soll man über einen Mann wie Alice Cooper groß schreiben? Der Shock Rocker ist eine absolute lebende Legende, bespielt die Bühnen der Welt seit weit über fünfzig Jahren, hat ein ganzes Genre geprägt und Generationen von Fans und Musikern ebenso. In dem Sinne könnte es Einem eigentlich beinahe egal sein, was der Grandseigneur des Horror-Geklampfes mit über siebzig Jahren, weit im Spätherbst seiner Kearriere, noch veröffentlicht. An die Klassiker seiner Diskographie wird der gute Mann wohl nie mehr herankommen, aber so schlecht, dass sie seinen Status ernsthaft beschädigen würden, können die neuen Veröffentlichungen überhaupt nicht sein. Im Gegenteil war gerade der letzte Output, "Paranormal", ein durchaus genießbares Werk, das seinen stilistisch teilweise etwas fragwürdigen Vorgänger, "Welcome 2 My Nightmare", stellenweise in den Schatten stellen konnte. So kann man also ganz entspannt die neue Scheibe namens "Detroit Stories", mit der The Coop der Hard Rock-Metropole als seiner Heimatstadt ein Denkmal setzen möchte, in den Player schieben und sich auf knapp eine Stunde gediegenen Hard Rocks freuen.

      Den Anfang des Albums macht "Rock & Roll", was natürlich textlich einleuchtend wirkt, aber nichtsdestotrotz verwirrend gewählt scheint, handelt es sich hier doch eigentlich nicht um eine Alice Cooper-Nummer, sondern um ein Cover eines von Lou Reed geschriebenen Stücks, das im Original von Velvet Underground vertont wurde. Ein Cover als Opener? - Sehr ungewöhnliche Wahl. Ansonsten handelt es sich hier um eine recht durchschnittliche Rock-Nummer, die sicher nicht schlecht ist, von den vorab veröffentlichten Songs aber wohl den unauffälligsten darstellte.

      Das folgende "Go Man Go" ist dann die erste Eigenkomposition des Albums und weiß gleich eine ganze Ecke besser zu gefallen. Der Track bleibt dem Stil des Openers treu, legt aber unverhofft noch ein paar Scheite mehr ins Feuer und kesselt recht munter vor sich hin - geile Gang-Vocals inklusive. Die Nummer stellt vielleicht den besten Song des Albums überhaupt dar und hätte sicher auch in dessen Eröffnung eine gute Figur gemacht.

      Die nächste Nummer ist mit "Our Love Will Change The World" nicht nur eine weitere Single, sondern auch derjenige Song von "Detroit Stories", der bereits in unserem Traditional Thursday vertreten war. Die Nominierung in dieser Kategorie bezog sich freilich natürlich vor allem auf den ausgesprochen coolen Text, der die musikalisch sehr poppige Darbietung quasi konterkariert. Möchte man ein Studio-Album als Ganzes aber ernsthaft reviewen, kann man natürlich nicht die musikalische Leistung einfach unter den Tisch fallen lassen, sodass man wohl unter dem Strich sagen kann, dass es davon abhängt, was der Hörer sucht, ob er mit dem Song glücklich werden wird. Eine geniale textliche Abhandlung hat man hier auf jeden Fall, einen musikalisch wirklich starken Song wohl eher nicht.

      Mit "Social Debris" begegnen wir dem letzten Song, der aus "Detroit City" ausgekoppelt wurde und vielleicht die überzeugendste Vorab-Veröffentlichung der Scheibe darstellte. Das Stück präsentiert sich als erdige, geradlinige Hard Rock-Nummer, wobei das eigentliche Highlight daraus besteht, dass mit Dennis Dunaway, Michael Bruce und Neil Smith alle noch lebenden Mitglieder der ehemaligen Band Alice Cooper, die zusammen die großen Klassiker der Siebziger komponiert und eingespielt haben, sich hier die Ehre geben und noch einmal mit ihrem alten Frontmann locker abrocken.

      "$1000 High Heel Shoes" ist dann in der Tracklist tatsächlich erst der zweite Song des Albums, den man noch nicht vorab zu Gehör bekam, stellt aber leider auch den absoluten Tiefpunkt der Scheibe dar. Man konnte einen Freigeist wie Alice Cooper noch nie klar auf ein Genre festlegen und Schubladendenker waren bei dem Herrn schon immer an der falschen Adresse, doch diese Nummer mit Bläsern und einem Feature der Sister Sledge, eines Gospel-Trios, ist nun wirklich so meilenweit ab vom Schuss, dass man doch etwas kopfschüttelnd zurückbleibt ob der Darbietung, die einem da zuteil wurde.

      Zum Glück geht es mit "Hail Mary" wieder deutlich aufwärts. Dieser Song atmet am meisten von allen Tracks auf "Detroit Stories" den Spirit der Cooper'schen Erfolgsphase von Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger. Ein leichter Glam-Touch durchzieht das Stück, das an sich aber fest im Hard Rock verwurzelt ist und mit seinen coolen Gitarren-Einlagen einfach verdammt Laune macht.

      Das folgende "Detroit City 2021" stellt dann den Quasi-Titelsong des Albums dar, bleibt gemessen daran aber relativ blass. Die Nummer ist recht simpel gehalten und Shock Rock-Opa Alice berichtet seinen treuen Hörern, mit wem er in den Siebzigern so alles zusammengearbeitet hat. Nicht schlecht, aber sicher auch kein Highlight des Albums, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass die Nummer bei Live-Auftritten in Detroit zum Konzert-Höhepunkt avanchieren dürfte.

      "Drunk And In Love" klingt in etwa so, wie es der Titel andeutet. Ein betrunkener Verliebter fängt nun mal keine Schlägerei an - im Klartext: Hier geht es relativ zahm zur Sache. Wie schon beim ersten Song des Albums steuert auch hier wieder Joe Bonamassa ein paar Guest-Gitarrenparts bei; schade eigentlich, dass man sich für dieses Feature zwei der eher unspektakulären Nummern der Platte ausgesucht hat.

      Diese Phase, in der das Album zuletzt nur so vor sich hinplätscherte, wird dann eindrucksvoll unterbrochen von "Independence Dave", das schon im Titel ein cooles Wortspiel liefert und auch musikalisch voll zu überzeugen weiß. Mit einer gewissen Punk-Attitüde geht es hier munter rockend zur Sache und das in typischster Alice Cooper-Manier, ohne, dass man sich vor seinen früheren Machwerken verstecken müsste - stark!

      Doch tatsächlich wird mit der nachfolgenden Nummer sogar noch Eins draufgesetzt: "I Hate You" heißt der zweite Song des Albums, auf dem die alten Recken der Alice Cooper-Band zu hören sind, die sich gesanglich abwechseln und einander in recht eindrücklicher Weise ihre Animositäten schildern. Humoristisch ist das Ganze - typisch Alice Cooper - perfekt in Szene gesetzt und unterlegt mit einer schmissigen Hard Rock-Begleitung, die das Stück neben "Go Man Go" zum heißesten Anwärter auf den besten Song des Albums macht.

      "Wonderful World" ist dann, wie der Titel schon vermuten lässt, wieder eine deutlich ruhigere Nummer. Fans sanfter Töne mögen sich bei solchen Tracks Zeit nehmen, die stimmliche Leistung des Alice Cooper zu würdigen, der auch mit 73 Jahren noch genauso nasal und charismatisch klingt wie eh und je, für den Freund eher härterer Klänge dürfte der Song jedoch kaum wirklich etwas zu bieten haben.

      Ebenso unauffällig vorbei zieht das folgende "Sister Anne", das zwar in seiner Herangehensweise etwas mehr Schwung hat, sich aber dennoch nicht in den Hörgängen festsetzt. Nebenbei bemerkt, handelt es sich hier um die bereits zweite Cover-Version des Albums, diesmal von einer Band namens MC5, deren Mitglieder auch an der einen oder anderen Stelle auf dem Album zu hören sind.

      Der Song "Hanging By A Thread (Don't Give Up)" wurde, unter Verzicht auf den ersten Teil des Titels, bereits im vergangenen Jahr als alleinstehende Single veröffentlicht und hat sich damals umgehend eine Nennung sowohl im Heavy Monday als auch - durch meine Wenigkeit - im Kotzer der Woche eingehandelt. Rückblickend betrachtet, muss man vielleicht das allzu harsche Urteil, das in letzterer Kategorie damals gefällt wurde, etwas revidieren; denn schon die kleinen Korrekturen der Alben-Version gegenüber der Single haben gereicht, dass das Stück im Alben-Kontext nicht deplatziert wirkt. Nach wie vor handelt es sich hier nicht um ein Highlight der Scheibe, doch die wichtige textliche Botschaft macht einige musikalische Schwächen wieder wett.

      Nach einem derart schweren und ernsten Track ist freilich eine Auflockerung in Form eines coolen Rockers dringend nötig und genau diese folgt auch in Form von "Shut Up And Rock" - einer Nummer, die passender nicht betitelt sein könnte. Mit viel Energie und einem flotten Tempo gehen Alice Cooper und seine Kollegen hier unbeschwert, geradezu wie eine Newcomer-Band zu Werke und liefern einen sehr erfrischenden Quasi-Abschluss des Albums.

      "Quasi-Abschluss" deshalb, weil der abschließende Song mit "East Side Story" das dritte (!) Cover des laufenden Albums darstellt - und, schlimmer noch, das dritte von drei Covern, die eigentlich verzichtbar gewesen wären. Klar, Alice Cooper hat schon in der Band-Ära immer wieder mal mit Läufen und Melodien aus diesem Werk gespielt (am auffälligsten wohl auf der "School's Out"-Scheibe), trotzdem wirkt die Nummer hier so ein Wenig wie die Abschluss-Credits nach einem Film - kann man sich ansehen, kann man aber auch schon mal abschalten.

      Fazit:
      Über weite Strecken ist "Detroit Stories" das Album geworden, was man erwarten konnte, als bekannt wurde, dass Alice Cooper ein neues Album veröffentlicht. Die Scheibe liefert vielseitigen Hard Rock, der in der Qualität ein gewisses "Hit and Miss" darstellt, wobei man sich vielleicht lieber über die Volltreffer freuen als über die schwächeren Nummern grämen sollte. Nichtsdestotrotz bleibt unter dem Strich der Eindruck, dass man es auf "Detroit City" mit der Eingliederung verschiedener Elemente so ein Wenig übertrieben hat. Die zahlreichen Cover-Versionen und Features lassen das ganze Machwerk so ein Bisschen wie "Alice Cooper beim bunten Abend mit seinen Freunden" wirken, sorgen aber dafür, dass die Scheibe gerade im Vergleich zum aufgeräumten Vorgänger streckenweise etwas zusammenhangslos wirkt und statt des Labels "gut" nur unter "okay" verbucht werden kann. Für Fans wird dennoch allein die Tatsache, dass Vincent Damon Furnier in seinem Alter noch Musik veröffentlicht, für Begeisterung sorgen und für jemand anderen ist dieses Album wahrscheinlich unter dem Strich auch nicht gemacht.

      ANSPIELTIPP:

      Strapped on the table
      The operation begins
      Caught in the fable
      The doctor is in...

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