Resurrection Day

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    • Resurrection Day

      Review: Resurrection Day

      Anderthalb Jahre lastet nun schon der Corona-Fluch auf der Welt und nicht zuletzt natürlich auch auf der Metal-Szene; anderthalb Jahre - das ist eine Zeit, in der besonders eifrige Songwriter der Hard 'N' Heavy-Szene schon einmal zwei Alben veröffentlichen! Rage mit ihren mittlerweile 23 bis 26 (je nach Zählweise) Studioalben auf dem Buckel können sich definitiv zu dieser Gruppe zählen und so verwundert es nicht, dass die Herren aus Herne mit "Resurrection Day" mittlerweile in der Tat schon ihren zweiten Longplayer der Pandemie-Zeit vorlegen, was einerseits erfreulich ist, waren doch die letzten Machwerke der Truppe durchweg alle recht gutklassig, andererseits schade, da man auf diese Weise vom starken 2020er "Wings Of Rage" wohl kaum noch einmal irgendeinen Song live zu hören bekommen wird - die Tour, die man zu diesem Album erwartet hätte, ist ja einfach unter den Tisch gefallen! Nicht zuletzt hatte die Gruppe während des letzten Jahres ja auch noch einen personellen Wechsel zu verzeichnen; Gitarrist Marcos Rodriguez warf das Handtuch und wurde durch Stefan Weber und Jean Bormann gleich doppelt ersetzt; damit folgt man dem aktuell prävalenten Dogma, dass eine Band umso besser wird, je mehr Mitglieder sie hat - man vergleiche hierzu beispielsweise Sodom, Destruction oder Messiah. Dass eine breitere Besetzung de facto keineswegs für bessere Qualität bürgt, bewiesen zuletzt Accept, Helloween und Iron Maiden, die, alle mindestens als Sextett, sämtlich mittelmäßige bis schlechte Alben abgeliefert haben, und so muss natürlich auch "Resurrection Day" einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

      Zunächst einmal beginnt die Scheibe jedoch mit einem instrumentalen Intro, welches auf den Titel "Memento Vitae (Overture)" hört. Was sich Peavy bei der bemerkenswert sinnbefreiten Betitelung dieses Stücks gedacht hat, müsste ihn vielleicht mal jemand gesondert fragen, doch das soll hier nicht das Thema sein. Im Vergleich zu vielen Intros anderer Bands aus derselben stilistischen Richtung in diesen Tagen nehmen sich Rage etwas zurück und ziehen einen zarten Aufbau bloßer Epik mit dem Vorschlaghammer vor, was ein leicht an Filmmusik erinnerndes Feeling aufkommen lässt.

      Es folgt dann der Übergang zum eigentlichen Opener und Titeltrack der Scheibe, der aber seinerseits so orchestral und episch beginnt, dass man kurzzeitig beinahe Angst bekommt, Peavy wolle nun Blind Guardian nacheifern. Der Verdacht erweist sich jedoch als unbegründet, wenn nach etwa einer halben Minute das Mainriff richtig loslegt und die Nummer deutlich mehr Zug entwickelt. Nichtsdestotrotz sind die Streicher hier nicht nur ein Intro-Element, sondern tauchen den ganzen Song über immer wieder auf, wobei sie jedoch meisterhaft gegen die Gitarren ausbalanciert werden. Es ist dies die hohe Kunst, einen Song orchestral zu begleiten, ohne ihn im Orchester zu ertränken, die Bands wie Pentakill nie erlernt haben und die Rage auf "Resurrection Day" in Vollendung vorführen, während man im Solo sogar kurzzeitig in Uptempo-Gefilde vorstößt. Stark!

      Dass auch der nachfolgende Track demgegenüber nicht abfallen würde, war schon vor dem ersten Hören klar, handelt es sich hier doch um "Virginity", die Lead-Single des Albums. Abgesehen vom einmal mehr unfreiwillig komischen Text, wenn eine Band um Peavy, 56, eurphorisch intoniert "we have lost our virginity" (joa... also... Glückwunsch auch!), handelt es sich hier sicherlich um einen der Höhepunkte des Albums. Das Mainriff peitscht in feinster Thrash-Manier aus den Boxen; der Rest des Songs ist dann eher im Midtempo angesiedelt, versumpft aber nicht in einem stupiden Groove, sondern bleibt durchgehend interessant und unterhaltend.

      Und der Lauf der Band hält auch weiter an, wenngleich der nächste Track "A New Land" nicht ganz so sehr mit dem Messer zwischen den Zähnen daherkommt wie seine Vorgänger. Stattdessen erlebt der Hörer hier einen typischen Midtempo-Banger aus der Rage-Schmiede, mit einigen feinen Gitarren-Melodien und einem Refrain, der, wäre er Ende der Achtziger veröffentlicht worden, heute sicherlich als Evergreen gälte.

      Eine echte Verschnaufpause darf man freilich auch weiterhin nicht erwarten, denn "Arrogance And Ignorance" kommt aus den Boxen gerollt wie ein Kampfpanzer! Geschickt verheiratet die Band hier ihre typisch melodischen Elemente und einen Larger-than-life-Refrain mit einzelnen Elementen aus dem Extrem-Metal-Sektor (komplett mit Krächze-Vocals!) zu einer ausgesprochen effektiven Melange und einem weiteren echten Volltreffer.

      Etwas raffinierter geht es dagegen wieder auf "Man In Chains" zu. Der Song besteht aus sehr vielen verschiedenen Parts und auch harmonisch ist hier eine ganze Menge geboten, was die Nummer allerdings leider stellenweise etwas konfus wirken lässt. Daneben tritt noch der eher platte Text; Rage sind lyrisch immer am schwächsten, wenn sie sich an tiefschürfenden Themen wie Kirchenkritik versuchen, da ihnen hierzu einfach seit jeher die sprachliche Gewandtheit fehlt.

      Ein ähnlicher Punkt ließe sich auch bezüglich "The Age Of Reason" anführen, das sich aber musikalisch wieder absolut makellos präsentiert. Das Mainriff gehört zu den besten der Scheibe und treibt den Song mit Macht nach vorne, sodass man der Band selbst den relativ zuckrigen Refrain problemlos verzeihen kann. Ein besonderes Schmankerl stellt hier wie auch bei einigen weiteren Songs der Scheibe die Solo-Sektion dar, während derer die beiden Neulinge zeigen dürfen, dass sie ihr Handwerk durchaus beherrschen, ohne dabei ganze Songs in ihrem Gefrickel zu ertränken, wie es sich seinerzeit ein gewisser Herr Smolski zur Gewohnheit gemacht hatte.

      "Monetary Gods" wiederum, als zweite Single von "Resurrection Day" bereits vorab bekannt, zieht den Härtegrad erneut deutlich an. Humorlos geht es hier mit einem schwer pumpenden Midtempo-Groove zur Sache, ehe der Chorus sich als dreckigste denkbare Version eines Stadion-Refrains darstellt, was den Track nicht zuletzt live zu einer sicheren Bank für die Band machen dürfte.

      Ganz anders präsentiert sich demgegenüber "Mind Control". Der Midtempo-Stampfer weist eine ausgesprochene Hard Rock-Schlagseite auf und überrascht zudem mit sehr düsteren, melancholischen Harmonien, die insbesondere dem Refrain eine treibende, geradezu zehrende Atmosphäre verleihen. Obwohl man hiermit relativ deutlich vom auf diesem Album bisher Bekannten abweicht, wird dies alles dennoch sinnvoll und logisch in den Song integriert, sodass derselbe durchaus einen Mehrwert für die Scheibe entfaltet.

      Nicht ganz so glatt geht das Experiment dagegen im Falle von "Traveling Through Time" auf. Der Song beginnt mit einer vollen Breitseite Orchester-Pomp, doch schon bei der letzten Maiden-Scheibe zeigte sich eindrücklich, dass auch ein Mehr an Epik nicht in der Lage ist, Mängel in den kompositorischen Grundlagen zu übertünchen. Nun wäre es sicher unfair, "Senjutsu" mit diesem Album hier zu vergleichen; die letzte Scheibe der Jungfrauen war ein Rohrkrepierer, wohingegen selbst bei diesem, einem der schwächeren Songs auf "Resurrection Day" ein Gutteil der mittelalterlich angehauchten Riffs noch durchaus zu gefallen wissen, doch gerade die Refrain-Sektion wirkt letzten Endes etwas zu gewollt.

      Sehr schön umgesetzt ist dagegen der Übergang von "Traveling Through Time" zum folgenden "Black Room", welches als Power-Ballade durchaus zu überzeugen weiß, wenngleich es in seiner Struktur etwas formularisch daherkommt. Im Refrain entfaltet sich eine sehr schöne Melodie, die Bridge-Sektion fügt sich dagegen harmonisch nicht ganz perfekt ins Gesamtbild ein. Alles in allem ein Kann-Song mit Tendenz nach oben.

      Doch sollte der eine oder andere Verfechter härterer Klänge von diesen drei recht soften Nummern nacheinander doch etwas eingelullt worden sein, so holt ihn "Extinction Overkill" zum Abschluss des Albums eindrucksvoll ins Hier und Jetzt zurück. Die Nummer geht noch einmal mit ganzer Kraft in die Vollen und präsentiert sich als die vielleicht kompromissloseste Thrash-Abrissbirne der Band seit "The Devil Strikes Again" - klasse!

      Fazit:
      Das neue Rage-Lineup stellt sich dem Fan mit einer echten Machtdemonstration vor. "Resurrection Day" stellt gegenüber dem gutklassigen "Wings Of..." noch einmal eine deutliche Steigerung dar und markiert damit die stärkste Scheibe der Westfalen mindestens seit "The Devil Strikes Again". Insbesondere die A-Seite rutscht stellenweise nur knapp am Status der Perfektion vorbei. Im hinteren Teil wirkt es sich etwas negativ aus, dass man sämtliche experimentelle Nummern an einer Stelle versammelt hat, doch sinkt der Longplayer zu keinem Zeitpunkt ins Mittelmaß ab und wartet am Ende noch einmal mit einem echten Brecher auf. "Resurrection Day" macht seinem coolen Cover-Artwork alle Ehre und kann jedem Heavy, Power, Speed oder Thrash Metaller mit einem Faible für große Melodien nur zum Kauf empfohlen werden; Flotsam And Jetsam scheinen im Rennen um das Album des Jahres endlich Konkurrenz bekommen zu haben!


      ANSPIELTIPP:

      Strapped on the table
      The operation begins
      Caught in the fable
      The doctor is in...

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