Wichtel-Review 2025
Hier kommt er also, mein Wichtel-Review 2025. Ich erhielt eine Zusammenstellung aus sechzehn Songs in netter Cover-Aufmachung; eine gelungene Anspielung auf „Die Urkatastrophe“, das letztjährige Album von Kanonenfieber. Selbiges ist auch mit gleich drei Beiträgen die am stärksten vertretene Scheibe auf dem Mix, wir haben es also zweifellos mit einem Fan der Bamberger zu tun. Da die Bands allesamt recht gängige Größen sind, waren für mich keine völlig Unbekannten dabei. Damit war mir auch bereits beim Blick auf die Tracklist klar, dass keiner der hier vertretenen Künstler so ganz in meine bevorzugte Stilistik fällt, und dieser Eindruck hat sich dann auch beim Hören des Mixes bestätigt. Ich bitte vor diesem Hintergrund um Verständnis für die generell nur mittelmäßigen Punktewertungen. Ich hatte mich mit dem Gedanken getragen, alle Beiträge pauschal um einen Punkt nach oben zu werten, also de facto einfach meine Erwartungshaltung zu verringern, doch schien mir das nicht ratsam, da ich, wie wir gleich sehen werden, einen Song mit der Mindestpunktzahl 1/10 bedenken musste, und dann die Abstände unplausibel groß geworden wären, wenn ich alle anderen Wertungen erhöht hätte. Nichtsdestoweniger habe ich mich bemüht, allen Liedern eine wohlwollende Beurteilung zukommen zu lassen, auch wenn sie mein musikalisches Nahrungsspektrum nur am Rande streifen. Fangen wir also munter an!
1. Kanonenfieber – Menschenmühle:
Passenderweise sind es direkt Kanonenfieber, die den Reigen beginnen. Die Band hat ja in den letzten Jahren einigen Wind erzeugt und ist mir daher bekannt, großes Interesse hatte ich ihr bisher allerdings nie entgegengebracht. Dabei lässt sich das hier durchaus gut anhören – und das, obwohl ich generell kein Fan von deutschsprachiger Musik bin! Ob es darüber hinaus Absicht seitens meines Wichtels war, den Weihnachts-Mix mit einem Song über den ersten Weltkrieg zu beginnen, in dessen erster Strophe die naive Hoffnung „Weihnachten sind wir zuhaus’“ anklingt, bin ich mir allerdings nicht sicher.
6,5/10 Punkte
2. Nita Strauss feat. Alissa White-Gluz – The Wolf You Feed:
Es folgt Nita Strauss, wohlbekannt von ihrem Wirken mit The Iron Maidens und für Alice Cooper, hier allerdings mit einer Nummer von ihrem zweiten Solo-Album. Vor zwei Jahren hat sie sich dazu eine ganze Reihe von Gastsängern ins Boot geholt, auf „The Wolf You Feed“ beispielsweise Alissa [so heißt die Dame nämlich korrekt] White-Gluz von Arch Enemy, die uns später in diesem Mix noch einmal begegnen wird. Die Nummer gehört definitiv zu Nitas härteren, allerdings komme ich nicht umhin, den Bruch zwischen den von Alissa gesungenen Strophen mit ihrem – coolen! – leicht angethrashten Riff einer- und dem durch Mrs. Strauss selbst intonierten, sehr radiofreundlichen und etwas belanglosen Refrain andererseits für eher misslungen zu befinden. Das Ganze hört sich weniger an wie ein Feature als wie zwei Songs zweier unabhängiger Künstler, die man durcheinander gemixt hat. Anhören kann man es sich aber dennoch.
5/10 Pkt.
3. Kataklysm – The Black Sheep:
Wieder in härtere Fahrwasser entführen uns die Kanadier von Kataklysm mit einer Nummer von 2015. Wiederum gefallen mir hier die Strophen besser als der Refrain. Letzterer ist etwas beliebig und für Death Metal eigentlich zu melodisch, während das Mainriff ein bisschen arg primitiv um die Ecke kommt. Wie gesagt, können dafür die Strophen überzeugen und Highlight der Nummer ist der sehr geschäftig riffende Part nach dem ersten Refrain. Insgesamt sehe ich eher eine positive als eine negative Tendenz.
5,5/10 Pkt.
4. Slaughter To Prevail – Bonebreaker:
À propos primitiv: Damit schafft sich die Überleitung zu den Russen von Slaughter To Prevail eigentlich direkt von selbst. Man möge es mir nicht übel nehmen, aber mit meinem Musikverständnis hat dieses disharmonische Deathcore-Geballer nur marginale Berührungspunkte. Das bezieht sich zugegebenermaßen jetzt weniger auf die Band per se, sondern mehr auf das Genre als gesamtes, aber ich konnte noch nie nachvollziehen, weshalb die ganze Core-Ecke subkulturell so nah mit dem Metal verbunden ist, denn aus meinem Blickwinkel als Metaller finde ich hier weder in melodischer noch in rhythmischer Hinsicht irgendwelche Anknüpfungspunkte und bleibe am Ende ratlos zurück.
1/10 Pkt.
5. In Flames – The Great Deceiver:
Nur bedingte Besserung bringt der nächstfolgende Track. Von den großen schwedischen Melo-Death-Truppen sind In Flames leider Gottes die uninteressanteste. Dieser Song von ihrem neuesten Album basiert auf einem sehr melodischen, eher Power Metal-lastigen Riff, das dem Refrain
zugrunde liegt. Der Rest des Tracks ist darum herum aufgebaut, bleibt aber ziemlich blass, bis auf einen psychedelischen Gitarren-Break in der Bridge, dessen Sinn sich mir allerdings nicht ganz erschließt. Nette Europe-Referenz allerdings in der zweiten Strophe.
4/10 Pkt.
6. Arch Enemy – Nemesis:
Wie es besser geht, zeigen in der Folge die Landsleute von Arch Enemy, die mit einer Nummer von „Doomsday Machine“ (2005) den bis hierhin ältesten Song des Mixes beisteuern. Leider hat auch diese Nummer einen dieser arg zuckrigen Refrains („One for all, all for one“), von denen mein
Wichtel offensichtlich ein Fan ist. Abgesehen davon aber rockt die Nummer ganz amtlich, feine Gitarrenarbeit liegt unter den Vocals von Angela Gossow, die in meinen Augen immer eine bessere Sängerin für Arch Enemy war als Alissa. Einer der stärksten Songs der Zusammenstellung!
7/10 Pkt.
7. Gojira – Stranded:
Es dauert allerdings nicht lange, bis das musikalische Pendel wieder umschlägt. Die Beliebtheit der Franzosen von Gojira, die sich ja nicht zuletzt in ihrem Auftritt bei der Olympiade im vergangenen Jahr zeigt, ist ein weiteres dieser Phänomene, die sich meinem Verständnis entziehen. Persönlich
könnte ich mir nicht vorstellen, wie es möglich wäre, Musik zu machen, die mich noch weniger berührt, als es diese Aquitanier regelmäßig tun. Ein monotones Mainriff mit einem hintergründigen Industrial-Einschlag wechselt sich ab mit einer Reihe anderer Parts, an denen es rein handwerklich nicht einmal etwas auszusetzen gibt, die aber über keinerlei interessante Eigenschaften verfügen. Nicht schnell noch langsam, dezidiert heavy oder emotional anrührend – ein großes Nichts.
2/10 Pkt.
8. Kanonenfieber – Waffenbrüder:
Die verhüllten Franken geben ihr Comeback auf dem Mix und erweisen sich einmal mehr als eine der gefälligeren Bands auf dem Silberling. Der stürmische Beginn von „Waffenbrüder“ verspricht sogar noch mehr Unterhaltung, ehe der Song dann im Refrain und umso mehr gegen Ende in ein etwas gezügelteres Register wechselt, mutmaßlich um den emotionalen Aspekt der im Text beschriebenen Handlung zu betonen. Dennoch eine nicht zu beanstandende Nummer.
6/10 Pkt.
9. Kataklysm – Guillotine:
Und auch Kataklysm dürfen ein zweites Mal ran, diesmal mit dem Opener von der „Meditations“-Scheibe von 2018. Diese Nummer ist deutlich zügiger unterwegs als ihr voriger Beitrag. Für die Verhältnisse von Melodic Death Metal geht hier ganz schön die Luzie ab, was von mir, der ja todesmetallisch stets eher traditionalistisch unterwegs ist, natürlich positiv bewertet wird. Innerhalb des Genres sicherlich eine überdurchschnittliche Leistung!
6,5/10 Pkt.
10. In Flames – I Am Above:
Ich war ja bei der ersten In Flames-Nummer dieses Mixes ein wenig erleichtert gewesen, dass zumindest keiner dieser Alternative-Songs im Player gelandet ist, die in der jüngeren Phase der Bandbiographie so typisch für die Göteborger geworden sind. Ein solcher wird nun allerdings in
Form von „I Am Above“ nachgeliefert. Hier hat man ein klassisches Beispiel dafür, wie diese Gruppe große Teile ihrer ursprünglichen Fanbase verspielt hat. Strophe und Bridge gehen sogar noch in Ordnung, doch mit Pre-Chorus und Refrain legt die Band mit Anlauf einen Bauchplatscher vom Fünfmeterbrett hin – schmerzhaft!
3/10 Pkt.
11. Slaughter To Prevail – Conflict:
Weil’s so schön war, kriegen auch Slaughter To Prevail einen zweiten Auftritt mit einem ganz aktuellen Song aus dem Sommer diesen Jahres. Besser als der vorige ist „Conflict“ allerdings leider auch nicht. Einen gewissen Unterhaltungswert haben die Lyrics, die ihre böse Gangsta-Botschaft sprachlich derart plump vermitteln, dass es – wohl unbeabsichtigt – stellenweise ans Parodistische grenzt (Kostprobe: „There is only you and me and fat fucking conflict“). Musikalisch ist das hier aber weiterhin kaum genießbar. Einen halben Punkt, weil die Band zwischendurch aus Versehen mal einen geraden Takt gespielt hat.
1,5/10 Pkt.
12. Arch Enemy – The Watcher:
Ein weiterer Song von Arch Enemy, diesmal eine aktuellere Nummer mit Alissa an den Vocals. Der Track illustriert sehr gut das Problem, das ich mit großen Teilen des Melo-Death-Genres habe. „The Watcher“ beginnt nach einem kurzen Intro-Riff mit einem sehr starken, nach vorne gehenden Strophen-Part, der sicherlich zu den stärksten Momenten der Zusammenstellung zählt. Auch im Pre-Chorus ist noch alles gut – ehe dann der Refrain einsetzt und man sich fragt, ob man noch denselben Song hört! Alle Aggressivität ist urplötzlich verschwunden und ersetzt durch eine
Melodie, die bei entsprechender Anpassung der Vocals ohneweiters auch von Helloween stammen könnte! Mir erklärt es sich nicht, weshalb man das gewonnene Momentum an so einer Stelle derart wegwirft, dass selbst das Wiedereinsetzen der Strophe im Anschluss schlicht unnatürlich wirkt. Auch die Bridge bewegt sich großteils in diesem seichten Fahrwasser, sodass am Ende von den starken Ansätzen nicht sonderlich viel übrig bleibt.
4,5/10 Pkt.
13. Lamb Of God – Dead Seeds:
Hier hat sich zwischen den Block aus wiederholten Bands, der die zweite Hälfte des Mixes ausmacht, nochmal eine Gruppe eingeschlichen, mit der wir bisher noch nicht die Ehre hatten. Die Groove Metaller von Lamb Of God tragen einen Song von ihrem „Wrath“-Album von 2009 bei. Das klingt hier alles sehr so, wie ich es mir von Lamb Of God erwartet habe, nur besteht das Problem darin, dass ich die Band generell nicht ausstehen kann. Groove Metal allgemein bleibt für mich meist die depravierte Version des Thrash Metal, nachdem ihm in den Neunzigern der „good friendly violent fun“-Faktor entzogen worden war und abgesehen von „violent“ nicht recht viel übrig blieb. Dazu kommt, dass die Stimme von Randy Blythe zwar dem Alben-Titel alle Ehre macht, auf mich aber einfach unkultiviert und platt klingt. Sowas kann ich schon bei Rob Dukes von Exodus nicht ausstehen und Randy liefert dasselbe noch einmal in einem völlig anderen Level an Intensität.
3/10 Pkt.
14. Kataklysm – Thy Serpent’s Tongue:
Wir gehen auf die Zielgeraden der Tracklist und es beginnt die letzte Runde für diejenigen Bands, die mir mein Wichtel noch mit einem dritten Song zu Gehör bringen möchte. Kataklysm hat man auf dieser Zusammenstellung allerdings schon stärker gehört, „Thy Serpent’s Tongue“ schließt sich dahingehend an die vorige Lamb Of Gods-Nummer an, als auch diesen Track eine merkliche Groove-Ader durchzieht. Zum Ausgleich gibt es immer wieder auch flottere Parts, die das Gesamterlebnis etwas auflockern, und in der Tat passiert in den knapp vier Minuten dieses Songs eine ganze Menge. Nichtsdestoweniger habe ich das Gefühl, es hier mit dem schwächsten Beitrag der Kanadier zu tun zu haben.
4,5/10 Pkt.
15. Kanonenfieber – Panzerhenker:
Auch Kanonenfieber kriegen einen dritten Slot auf der Tracklist eingeräumt. Als eine Art Zwischenresumée lässt sich an dieser Stelle bereits festhalten, dass die Bamberger wohl die Band auf dem Mix sind, die am konstantesten eine solide Figur abgegeben haben. Das gilt, obwohl die drei mir dargebotenen Songs stilistisch doch erkennbar voneinander abweichen. „Panzerhenker“ verfügt über flotte Parts, wechselt aber auch gerne ins Midtempo und nimmt stellenweise gar eine kriechende Geschwindigkeit an. Dennoch bleibt das Ganze aus einem Guss und wenn das hier auch keine Musik ist, die ich privat häufig höre, so ist die Darbietung für zwischendurch doch durchaus gefällig.
6,5/10 Pkt.
16. In Flames – Only For The Weak:
Mit dem allerletzten Song der Zusammenstellung geht es nochmal zurück ins Jahr 2000 zu In Flames und ihrer „Clayman“-Scheibe. Tatsächlich ist die vorliegende Nummer wohl knapp die beste der Schweden auf diesem Mix, allerdings belegt sie auf der anderen Seite auch, wie wenig In Flames schon damals stellenweise mit Death Metal zu tun hatten. „Only For The Weak“ ist melodisch eigentlich ein Heavy Metal-Song, allerdings ohne die Zutaten, die man von einem wirklich überzeugenden Track jenes Genres erwarten würde. Flashy Gitarrenarbeit sucht man hier vergebens und Anders Fridéns schwächliche, in so einer Art Sprechgesang vorgetragene Vocals in der Strophe lassen schmerzlich an Ausdruckskraft vermissen. Als ruhiger, leicht melancholischer Ausklang der Zusammenstellung geht das in Ordnung, ein Highlight hat man hier jedoch nicht vor sich.
4,5/10 Pkt.
Fazit:
Es ist die Natur (und ja auch der Reiz) des Weihnachtswichtelns, dass man Musik zu hören bekommt, die etwas außerhalb des eigenen Blickfeldes liegt. Nun dürfte allgemein bekannt sein, dass mein Musikgeschmack durchaus nicht die Breite hat wie der vieler Anderer in der Gruppe, und so ist es nicht verwunderlich, dass ich gelegentlich genötigt bin, recht niedrige Punktzahlen zu vergeben. Nichtsdestoweniger hat mir mein Wichtel einige Songs präsentiert, die ich vielleicht nicht ständig, aber doch gelegentlich, bei passender Stimmung, wieder auflegen werde. Dazu gehören die drei Tracks von Kanonenfieber, der zweite Beitrag von Kataklysm und der erste von Arch Enemy. Völlig ungenießbar waren für mich lediglich Gojira und die zwei Einträge von Slaughter To Prevail. Das ist insgesamt eine positive Bilanz und sicher besser, als wenn mein Wichtel versucht hätte, nur meinen Musikgeschmack zu bedienen, wenn seine eigenen Vorlieben in einer anderen Richtung liegen. Denn hätte er versucht, mir zuliebe einen Thrash-Mix zu erstellen, dann wäre es ihm wohl kaum gelungen, mir Songs vorzuschlagen, die gut sind und die ich nicht bereits kenne. So aber ist es der Fall, dass von den fünf oben positiv erwähnten Songs in vier Fällen mir lediglich die Band, nicht aber das konkrete Lied bekannt war. (Die eine Ausnahme bildet „Nemesis“ von Arch Enemy.) In diesem Sinne habe ich also durchaus etwas Positives aus dem Mix mitnehmen können und bedanke mich für die Erweiterung meines Horizonts!